I. Was ist eine Chorklasse? Welche Konzepte liegen ihr zugrunde?

ChorklasseDas Gymnasium der Benediktiner bietet den Kindern im Musikunterricht der Klassen 5 bis 7 eine Wahlmöglichkeit: Alternativ zum „normalen“ Musikunterricht kann die Chorklasse gewählt werden. In ihr werden die Inhalte des Kernlehrplans Musik hauptsächlich über das Singen erarbeitet. Die systematische Basis bildet dabei das Konzept der relativen Solmisation nach Kodály. Ein Grundsatz der solmisationsgestützten Methodik lautet, dass Kompetenzen sich durch Handeln aufbauen, nicht durch Erklärung. Deshalb versucht der Chorklassenunterricht nach Möglichkeit, musikalische Phänomene zunächst stimmlich zu erfahren und zu verinnerlichen.

Aber was verbirgt sich eigentlich hinter dem Begriff „relative Solmisation“? Die relative Solmisation singt Melodien auf Silben, wobei es eine feste Zuordnung gibt. Dem Grundton der Durtonleiter wird immer die Silbe „do“ zugewiesen. Die vollständige Durtonleiter besteht aus folgenden Silben: „do-re-mi-fa-so-la-ti-do“, die Molltonleiter beginnt analog auf der Silbe „la“. So kann jede Melodie (auch modale Skalen) mithilfe dieser Tonsilben erarbeitet werden.

Es sind keine Kenntnisse über Tonnamen o.ä. erforderlich, so dass diese Methode schon im Vorschulalter eingesetzt werden kann, was im europäischen Ausland vielfach wesentlich konsequenter und systematischer geschieht, als in Deutschland. Das Singen auf Tonsilben ist auf der einen Seite eine gute didaktische Reduktion, da der Text erst in einem zweiten Schritt erarbeitet wird. Auf der anderen Seite verweisen die Silben auf innere Zusammenhänge der Melodien, auf die Tonbeziehungen, die bei regelmäßigem Solmisieren intuitiv verinnerlicht werden. Das Einprägen von elementaren und später komplexeren Silbenfolgen wie z.B. zunächst der Rufterz „so-mi“ entwickelt sukzessive eine Klangvorstellung, den sogenannten tonalen Affekt, der später leichter in neuen Melodien wiedererkannt werden kann. Malte Heygster schreibt dazu in seinem Buch über relative Solmisation: „Das Singen auf Silben schafft Empfindsamkeit für die Verschiedenartigkeit der Tonbeziehungen. Es bewirkt ein Wiedererkennen der Unterschiede, wenn dies auch meistens nicht sofort auf die Ebene bewussten Wahrnehmens gelangen. […] Mit der Solmisation gelingt es allerdings, die Welt der Diatonik theoriefrei zu verinnerlichen. Ihre Sinnlichkeit und ihr ästhetischer Reiz wirken unmittelbar, sie bereiten das spätere Verstehen so vor. […] Sie [die Lehrenden] erkennen dann, dass die aufwendige Methodik des Hinführens zu intensivem Spüren den Lernenden hilft, aus der Zerstreutheit des Alltags zur Konzentration zu kommen. Insofern gibt die Methodik mit relativer Solmisation Antworten auf drängende Probleme der Zeit.“ Ein vorrangiges Ziel der Musikpädagogik ist die Wahrnehmung des Klangs und beim Solmisieren sind die Kinder selbst die Quelle dieses Klangs mit der unmittelbaren Erfahrbarkeit der eigenen Stimme, welche direkter und intensiver wirkt, als jedes Instrument. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass selbst anspruchsvolle Melodien aus Liedern oder Instrumentalwerken erfolgreich und effektiv mit Solmisation erarbeitet werden können. Daneben ist der Aufbau einer inneren Klang- und Tonvorstellung (Audiation) mit Blick auf die Mehrstimmigkeit ein entscheidender Baustein, der eine Mehrstimmigkeit des bewussten Miteinanders statt Gegeneinanders ermöglicht. Die Mehstimmigkeit wird in Klasse 5 vor allem über das Kanonsingen und Ostinatomodelle vorbereitet und in der 6. und 7. Klasse dann behutsam zu einer selbständigen Mehrstimmigkeit weiterentwickelt, wobei auch hier das Solmisieren ein steter Begleiter ist. All dies sind gute Gründe, das Konzept der relativen Solmisation im Unterricht intensiv einzusetzen. Daher ist es nur folgerichtig, dass das begleitende Unterrichtskonzept „Gesangsklasse“ von Bolender und Müller ebenfalls auf diesem Fundament aufbaut. So wird für die Schülerinnen und Schüler beispielsweise durch den Erwerb der solmisationsgestützten Gesangslevel individuell und progressiv erfahrbar, welche Kompetenzen sie in diesem Bereich schon erworben haben.

Gleichzeitig lassen sich diese Level gut mit der Stimmbildung verknüpfen, die integraler Bestandteil des Chorklassenkonzeptes ist und von den Kindern nach kurzer Zeit auch als selbstverständlicher Teil des

Unterrichts wahrgenommen wird. Eine kleine Anekdote mag dies unterstreichen: Ein Klassenlehrer berichtete mir von der Vorbereitungen der Weihnachtsfeier mit seiner 5. Klasse. Die Chorklassenkinder wollten dabei gerne ein Weihnachtslied aus dem Musikunterricht vortragen. Als die Kinder dann bei der Generalprobe an der Reihe waren, intervenierten sie: „Das geht nicht, wir müssen uns doch erst einsingen“. Neben dem bereits genannten Unterrichtskonzept von Bolender und Müller fließen hier zahlreiche Methoden und Übungen verschiedener Stimmbildner und Autoren ein. Den Schwerpunkt in meinem Unterricht bildet dabei das Konzept von Gerhard Schmidt-Gaden, dem langjährigen Leiter des berühmten Tölzer Knabenchores.

II. Warum gibt es das Angebot?

ChorklasseKinder lernen in dieser Altersphase noch sehr intuitiv und sind dabei in der Regel offen für neue Methoden. Es liegt nahe, dass man gerade Musik am besten durch das praktische Musizieren lernt. Neurobiologische Erkenntnisse stützen übrigens diese Erfahrung vieler Musikpädagogen. Die Stimme ist das „Instrument“, was jeder immer und überall zur Verfügung hat und somit ist das Chorklassenmodell der einfachste Ansatz, Musik handlungsorientiert zu erlernen und zu erfahren. Grundsätzlich ist jedes Kind, das Freude am gemeinsamen Singen und Musizieren mitbringt, für die Chorklasse geeignet, das Angebot steht also allen Schülerinnen und Schülern gleichermaßen offen. Es sind keine musikalischen Vorkenntnisse oder besondere Begabungen nötig. Wir wollen den Kindern einen bewussteren und kompetenteren Umgang mit der eigenen Stimme beim Singen und Sprechen ermöglichen, sowie durch die oben beschriebenen Konzepte erhöhte Fähigkeiten und Fertigkeiten in Bezug auf Klangqualität und Intonationssicherheit entwickeln. Wir möchten die Kinder mit der Chorklasse daneben für eine langfristige Teilhabe am chorischen Musikleben innerhalb und außerhalb der Schule motivieren und auf diesem Wege dieses wesentliche Element der abendländischen Kultur pflegen und stärken. Nicht zuletzt werden mit dem gemeinsamen Singen und Musizieren soziale Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, gegenseitige Rücksichtnahme und Sensibilität unter den Schülerinnen und Schülern sowie kognitive Kompetenzen gefördert. All dies sind für uns gute Gründe, dass seit 2011 praktizierte Modell fortzuführen. Die Tatsache, dass wir in den letzten Jahrgängen stets zwei Chor- und eine Regelklasse einrichten konnten, belegt zudem die hohe Nachfrage seitens der Schülerinnen und Schüler.

III. Was passiert außerhalb des Unterrichts?

ChorklasseDie Teilnahme an der Chorklasse verpflichtet im 5. und 6. Jahrgang zur Teilnahme an den Proben des Unter-stufenchores, danach ist sie freiwillig. An dieser Arbeitsgemeinschaft können auch weitere Schülerinnen und Schüler aus den „normalen“ Musikklassen teilnehmen. Ab Klasse 8 kann die gesangliche Ausbildung im „Großen Chor“ fortgeführt werden. Eine Vertiefung der Ausbildung im Gesangsunterricht sowie die Teilnahme an einem anderen Ensemble unseres Gymnasiums (Orchester in Kooperation mit der Musikschule, Benni Big Band, Schulband) sind ebenso wünschenswert.

Auch im Unterstufenchor hat die Stimmbildung einen hohen Stellenwert und unterstützt so in Kombination mit dem Chorklassenunterricht eine besonders nachhaltige Entwicklung. Dabei wird die Zusammenarbeit mit der Musikschule und professionellen Stimmbildnern gesucht. Im Unterstufenchor werden auch die Auftritte und Konzerte vorbereitet. Zuletzt war dies das Konzert „Love is all around“ im Februar 2016 in der Stadthalle Meschede. Dort hat der Unterstufenchor in Begleitung des Orchesters der Musikschule des HSK, in dem im Übrigen auch zahlreiche unserer Schülerinnen und Schüler mitwirken, zwei eigens für das Konzert von einem professionellen Arrangeur eingerichtete Kompositionen gesungen, ein Medley mit Liebesliedern der Renaissance und ein Medley mit aktuellen Popsongs wie „Marry you“ oder „Applaus, Applaus“. Neben Konzerten erstreckt sich der Wirkungskreis auch auf verschiedene Auftritte in der Liturgie Dazu kommen besondere Ereignisse des Schullebens, wie die Einweihung des AbteiForums im Mai 2015.

U. Prenger, Musiklehrer